Psychologie heute Nr. 10/1985

Linkshänder

Psychische Probleme durch Umschulung

In unserer Gesellschaft gilt Rechtshändigkeit als "normal", und so wird konsequenterweise versucht, Linkshänder bereits im Kindesalter umzuschulen und ihnen damit zum "Normalzustand" zu verhelfen. Wenig bekannt ist jedoch, dass diese Umschulung einen der größten Eingriffe ins menschliche Gehirn darstellt. Denn durch die Umschulung der Händigkeit bleibt die überkreuz mit der Handlungshand verbundene dominante Hemisphäre (bei Linkshändern also die rechte Gehirnhälfte) dominant, ist nun aber aktionsbehindert beziehungsweise gehemmt. Die andere Hemisphäre muss mehr Aufgaben übernehmen, und ist dadurch überlastet; im Bereich des Corpus callosum kommt es zu Störungen, zu einer Art Kurzschluss und zu Übertragungsblockierungen.

Die Folgen sind frappierend: Die geistigen Fähigkeiten, darunter so wichtige Bereiche wie Gedächtnis, Konzentrationsfähigkeit, Belastbarkeit, Reaktionsfähigkeit, werden negativ beeinflusst, obwohl die ursprüngliche Intelligenz erhalten bleibt.

Linkshänder haben normalerweise eine gute räumliche Vorstellungskraft und ein gutes perspektivisches Wahrnehmungsvermögen. Im Gegensatz zu Rechtshändern denken sie mehr synthetisch und beziehungsreich, während bei Rechtshändern das analytische, zeitlich aufeinanderfolgende Denken betont ist.

Doch je stärker die ursprüngliche Linkshändigkeit eines Menschen war und je brutaler die Umerziehung auf ihn eingewirkt hat - die Amerikaner sprechen bezeichnenderweise von "breaking" -, um so mehr verliert der Pseudo-Rechtshänder diese Fähigkeiten, und um so mehr ist er auf vielen Gebieten beschädigt.

Schon in der Schule fällt er zum Beispiel durch Überkompensation, Herumkaspern und mangelnde Konzentrationsfähigkeit auf, häufig ist er Legastheniker oder auch Bettnässer. Manche Pseudo-Rechtshänder gehen früh von der Schule ab, versuchen häufig später unter großen Mühen einen Schulabschluss auf dem Zweiten Bildungsweg nachzuholen. Manche beißen sich aber auch bis zum Abitur durch, allerdings unter großen Mühen und Qualen, die den Lehrern meist verborgen bleiben.

Ihre Probleme führen Pseudo-Rechtshänder nur selten auf die Umschulung zurück, sondern sie halten ihre Unfähigkeit, sich länger zu konzentrieren und Gedanken adäquat wiederzugeben, für persönliches Unvermögen und mangelnde Begabung. Und das, obwohl sie durchaus wissen, dass sie auch nicht weniger intelligent als ihre Altersgenossen sind.

Der Pseudo-Rechtshänder kann genauso gut denken wie ein nicht umgeschulter, aber wenn er seine Gedanken ausdrücken will, verspricht er sich, fängt an zu stottern oder er verliert den Faden. Die Folgen sind Minderwertigkeitsgefühle, Überkompensation und Gehemmtheit. Der Pseudo-Rechtshänder zieht sich dann immer mehr in sich zurück, wird schweigsam und äußerst vorsichtig, weil er sich nicht durch Versprecher blamieren will.

Viele Pseudo-Rechtshänder suchen Hilfe beim Therapeuten. Doch wir soll der Therapeut die Schwierigkeiten dieser Klienten begreifen, wenn niemandem mehr bewusst ist, dass bereits dem Kleinkind die Linkshändigkeit "ausgetrieben" wurde, damit es ein "anständiger", angepasster Mensch wird und nicht mit dem linken Ellenbogen seinen rechtshändigen Nachbarn beim Essen stößt? Wie soll der Therapeut helfen können, wenn er nicht weiß, dass, im übertragenen Sinn, ein Mensch im "geistigen Rollstuhl" vor ihm sitzt? Für den PseudoRechtshänder ist es daher wichtig, seine Umschulung als mögliche Ursache seiner Schwierigkeiten zu erkennen. Dies ist die Voraussetzung für Veränderungsprozesse. Inwieweit Blockaden aber abbaubar sind und wie groß die Möglichkeiten sind, Sekundärfolgen zu beheben, ist heute noch weit gehend unerforscht.

Es gibt natürlich auch umgeschulte Linkshänder, die die beschriebenen Schwierigkeiten nicht kennen, sondern anscheinend sehr gut durchs Leben kommen; wer kann jedoch sagen, wie sie ohne diese Umschulung zurecht gekommen wären?

In München läuft augenblicklich ein Forschungsprojekt der ONRS (Organisation für neutrale Wissenschaften), das an Erwachsenen die Folgen der Umschulung untersucht und versucht, ein präziseres Bild vom Pseudo-Rechtshänder und den Faktoren seiner Schädigung zu gewinnen.

Übrigens können von den Folgen der Umschulung auch Rechtshänder betroffen sein, die zum Beispiel durch einen Unfall oder wegen einer Lähmung mit der linken Hand schreiben und handeln müssen; aber die Ausmaße sind anders und die Folgen werden anders verarbeitet als bei einem Kind, dem die linke Hand genauso gut wie die rechte ist.

Manche Autoren schätzen, dass 50 Prozent aller Menschen ursprünglich Linkshänder sind, laut Statistik sind allerdings nur etwa 12 Prozent betroffen. Die Differenz von ungefähr 38 Prozent dürften umgeschulte Linkshänder sein, die mit den beschriebenen Problemen zu kämpfen haben. Es wäre interessant zu wissen, wie viele davon die therapeutischen Praxen füllen.
 
 
 

Barbara Sattler
© Copyright: Dr. Johanna Barbara Sattler
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