Bayerisches Ärzteblatt Heft 4/1991, Seite 139

Linkshänder in der Arztpraxis


Mit Linkshändigkeit wird der Arzt auf verschiedene Arten konfrontiert.

Zum einen sind es natürlich Eltern mit linkshändigen Kindern, die manchmal schon sehr früh sich Rat und Hilfe bei dem Arzt holen. Sie werden oft alarmiert durch die ersten gezielten Greifbewegungen des kleinen Kindes (ab ca. 12 bis 15 Monaten), die entgegen den Erwartungen mit der linken Hand ausgeführt werden. Es handelt sich um das Greifen nach Spielsachen, nach dem Essen, und bald um das Handgeben beim Begrüßen. Und leider beginnen schon oft bei dem Kind in diesem Alter die ersten Umschulungsversuche auf die rechte Hand durch gezieltes Geben der Spielsachen, des Löffels in die Rechte, durch erzieherische Hinweise und durch den weit verbreiteten Spruch "gib doch das schöne Händchen", und leider suchen gerade diese selbstständig maßregelnden Eltern nicht den Rat des Arztes, sondern schulen nach dem Motto "man hat das doch immer so gemacht" oder "mir hat es auch nicht geschadet" auf die rechte Hand um.

Dabei weiß man inzwischen, dass Umschulung auf die nicht dominante Hand einen zum Teil schwerwiegenden Eingriff in das menschliche Gehirn bedeutet und viele umgeschulte Linkshänder besonders in der Schulzeit Probleme mit Konzentration, Gedächtnis, Lese- und Rechtschreibung, Feinmotorik und Sprache haben und diese mehr oder weniger starken Störungen - bei nicht verringerter Intelligenz - sich wieder in Sekundärstörungen umsetzen können, wie zum Beispiel Minderwertigkeitsgefühlen, Rückzugstendenzen, Verhaltensstörungen, die sich in den neurotischen und/oder psychosomatischen Bereich auswirken, und bei Kindern zusätzlich auch zu Bettnässen und Nägelkauen führen können.

Heutzutage stellen sich aber auch viele an sich linkshändige Kinder (durch Nachahmungs- und Anpassungsverhalten an die rechtshändige Umwelt) selber auf die rechte Hand um, um nicht aufzufallen, und irritieren damit Eltern und Betreuungspersonen, wie Ärzte, Erzieher, Lehrer, durch "pseudorechtshändiges" Verhalten.

Es wäre hier sicher von großem Nutzen, wenn schon bei frühen ärztlichen Vorsorgeuntersuchungen auf Anzeichen einer Linkshändigkeit bei den Kindern geachtet würde und Eltern zumindest einen Hinweis auf die Gefahren einer Umschulung der Händigkeit von fachlicher Seite bekommen.

Erst kurz vor Schuleintritt oder manchmal auch erst danach beginnen sich nämlich heute viele Eltern wirklich um die Händigkeit ihres Kindes zu kümmern, suchen Rat und sind oft besonders verunsichert durch die bei linkshändigen Kindern häufig auftretende Spiegelschrift und das Lesen von rechts nach links: Beides irritierende Anzeichen, die sich aber bei nicht gestörter Linkshändigkeit bald wieder geben.

Einfache Verhaltensregeln für linkshändige Kinder bei Schuleintritt, wie die lockere Schreibhaltung (Blatt nach rechts geneigt, Schreibhand unter der Zeile und Stiftende in Richtung linker Schulter zeigend), weiter die Notwendigkeit, keinen Rechtshänder links neben den Linkshänder zu setzen, Lichteinfall von rechts durch Sitzmöbelumstellung zu ermöglichen und auch sinnvolle Gebrauchsgegenstände für Linkshänder zur Verfügung zu stellen, werden oft nicht beachtet und führen zur Benachteiligungen des linkshändigen Kindes.

Die Folgeerscheinungen einer Umschulung der genuinen Händigkeit decken sich in manchem mit den Folgen einer MCD und werden manchmal damit verwechselt. Auf die nicht dominante Hand umgeschulte Kinder leiden oft ihre ganze Schulzeit über und manche rätseln noch als Erwachsene über die Ursprünge ihrer Schwierigkeiten und des Gefühls, ständig irgendwie benachteiligt zu sein, gehen zum Hausarzt, Neurologen oder zum Psychologen und zweifeln oft an der eigenen Intelligenz, und selten wird ihnen adäquat geholfen, weil ohne das Wissen über die Umschulung der Händigkeit im Kindesalter oft kausale Zusammenhänge nicht oder falsch verstanden werden.

Für diese Menschen gibt es auch heute leider kein Patentrezept der Hilfe (ein linkshändiges Schreiben führt nur in manchen Fällen zu einer Linderung der beklagten Symptome), aber oft ändert sich die Betrachtungsweise der Schwierigkeiten, wenn Ursprung und Wirkung der Probleme unter einem anderen Aspekt gesehen werden, und führt häufig zu einer Entspannung im psychischen und psychosomatischen Bereich.
 

Dr. Johanna Barbara Sattler

Leiterin der Beratungs- und Informationsstelle für Linkshänder und umgeschulte Linkshänder, Sendlinger Str. 18 [inzwischen umnummeriert, Nr. 17], 80331 München
 
 

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